Zum 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens haben am 30. und 31. Oktober 2026 in Berlin sowie in Städten in Südwestdeutschland Gedenkveranstaltungen, Podien und lokale Projekte an die sogenannte Gastarbeitergeneration erinnert. Die Bundesregierung stellte bei einem Festakt die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beiträge der Eingewanderten heraus und verband die Würdigung mit aktuellen sozialpolitischen Fragen.
Das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei wurde am 30. Oktober 1961 geschlossen. Es öffnete den Weg für staatlich organisierte Arbeitsmigration, um den hohen Arbeitskräftebedarf der 1960er Jahre zu decken. Die Folge waren dauerhafte familiäre Bindungen, Vereinsgründungen, Gründungen von Betrieben und eine spürbare Prägung von Stadtgesellschaften, besonders in Industrie- und Hafenstädten.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts leben heute mehrere Millionen Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte in Deutschland. Das Amt verwies im Oktober 2026 auf aktuelle Struktur- und Bevölkerungsdaten, die in Berichten zum Jubiläum aufgegriffen wurden. Die Bundesregierung betonte den Zusammenhang zwischen verlässlicher Einwanderungspolitik, fairen Arbeitsbedingungen und nachhaltiger Integration.
Aus Südwestdeutschland kamen zahlreiche Erinnerungs- und Bildungsinitiativen. In Ludwigshafen rückten Zeitzeugenberichte sogenannter Kofferkinder die Trennungserfahrungen und den späteren Bildungserfolg in den Fokus. In Sindelfingen wurden Werkshistorie, Migration und Gegenwartsperspektiven miteinander verknüpft. Der SWR dokumentierte persönliche Lebenswege und lokale Projekte, die die Brücke von der Erinnerung zur Nachwuchsförderung auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt schlagen.
Zugleich wurden Defizite klar benannt. Sozialforschende und Wohlfahrtsverbände sehen ein erhöhtes Risiko von Altersarmut unter ehemaligen Angeworbenen, unter anderem durch unterbrochene Erwerbsbiografien, belastende Tätigkeiten und späte Renteneintritte. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Praxis forderten daher bessere Anerkennung von Lebensarbeitszeiten, niedrigschwellige Beratung zu Rentenansprüchen und passgenaue Programme zur Qualifizierung, insbesondere für Spät- und Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger auf dem Arbeitsmarkt.
Auch prominente Stimmen aus dem Südwesten schalteten sich ein. Der aus Baden-Württemberg stammende Bundesminister Cem Özdemir würdigte nach SWR-Berichten die Pionierleistungen der ersten Generation und hob den Wert von Bildung, Sprachförderung und fairer Teilhabe hervor. Darüber hinaus betonten Vertreterinnen und Vertreter von Ländern und Kommunen, dass die Debatten über Anerkennung, soziale Sicherheit und gleichberechtigte Teilhabe nicht retrospektiv geführt werden, sondern Konsequenzen für die laufende Integrations-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik haben.
Die Veranstaltungen zum 65. Jahrestag zeigten damit zweierlei: Dank und Anerkennung für die Aufbauleistung der Gastarbeiter – und den Handlungsauftrag, soziale Risiken zu mindern und Chancen für die nachfolgenden Generationen weiter zu öffnen.
Redakteurin: Mira Cadena (Artikel mit KI-Unterstützung).