Die Bundesnetzagentur hält die heute in Deutschland verfügbaren Gaskraftwerke für unzureichend, um die Versorgungssicherheit in Schwachlastphasen der Erneuerbaren dauerhaft zu gewährleisten. Für den Winter 2026/2027 hat die Behörde einen Netzreservebedarf von 7.407 Megawatt festgestellt. Zugleich verweist sie in Systemanalysen auf zusätzlichen Bedarf an gesicherter Leistung in den kommenden Jahren. Anfang November hat die Bundesnetzagentur zudem erste Zuschläge für neue Kraftwerkskapazitäten vergeben.
Hintergrund sind strukturelle Veränderungen im Stromsystem: Der Ausstieg aus der Kernenergie, der schrittweise Kohleausstieg und der starke Zubau von Wind- und Solaranlagen verschieben die Rolle konventionell steuerbarer Erzeuger. In sogenannten Dunkelflauten, wenn Wind und Sonne wenig liefern, sind regelbare Kapazitäten oder ausreichend Speicher erforderlich, um die Netzfrequenz stabil bei 50 Hertz zu halten. Nach Einschätzung der Behörde entsteht daraus ein Bedarf an zusätzlicher gesicherter Leistung, der mit der bestehenden Kraftwerksflotte nicht gedeckt werden kann.
Die Bundesregierung setzt für diese Lücke auf neue, auf Wasserstoff umrüstbare Gaskraftwerke sowie auf Kapazitätsmechanismen. Geplant sind Ausschreibungen in zweistelliger Gigawattgröße, deren Vergütung die Vorhaltung von Leistung honorieren soll, unabhängig vom tatsächlichen Einsatz. Über die Ausgestaltung der Kraftwerksstrategie verhandelte die Bundesregierung 2026 mit der Europäischen Union, um beihilferechtliche Fragen zu klären.
Wissenschaftlerinnen, Umweltverbände und Teile der Energiebranche warnen vor ökonomischen und klimapolitischen Risiken, falls neue Anlagen längerfristig mit fossilem Erdgas betrieben würden. Kritisiert werden mögliche Lock-in-Effekte, steigende Systemkosten und Unsicherheiten beim Umstieg auf klimaneutrale Gase. Befürworter verweisen hingegen auf Sicherheitsanforderungen im Netzbetrieb: Ohne zusätzliche regelbare Kapazitäten sei in Szenarien mit langanhaltenden Dunkelflauten ein geordneter Systembetrieb nicht zu gewährleisten.
Kurzfristig bedeutet die Einschätzung der Bundesnetzagentur, dass die bestehende Erzeugungslandschaft durch Netzreserve, neue Kapazitäten und den beschleunigten Ausbau von Speichern ergänzt werden muss. Mittel- bis langfristig hängt der Bedarf an Gaskraftwerken davon ab, wie schnell erneuerbare Erzeugungskapazitäten, flexible Lasten, Speicher und Netze wachsen und wie rasch klimaneutraler Wasserstoff in ausreichender Menge und zu wettbewerbsfähigen Kosten verfügbar wird. Die jetzt veröffentlichten Bedarfszahlen der Bundesnetzagentur sowie die eingeleiteten Ausschreibungen bilden den aktuellen Anlass für die Debatte über die künftige Versorgungssicherheit in Deutschland.
Redakteurin: Mira Cadena (Artikel mit KI-Unterstützung).