Das Hegau-Jugendwerk in Gailingen am Hochrhein (Kreis Konstanz) hat Anfang Oktober 2026 nach eigenen Angaben als erste Reha-Einrichtung in Deutschland ein pädiatrisches Exoskelett therapeutisch eingesetzt. In den ersten Sitzungen konnten Kinder mit erheblichen motorischen Einschränkungen, die zuvor auf einen Rollstuhl angewiesen waren, mit Unterstützung des Geräts aufrecht stehen und Schritte ausführen. Der Einsatz erfolgte unter enger Begleitung von Therapeutinnen, Therapeuten und Ärztinnen.
Die Klinik nutzt das Modell Atlas 2030, ein motorisch unterstütztes System für Kinder, das vom Unternehmen Marsi Bionics entwickelt wurde. Es ist für einstellbare Körpermaße ausgelegt und soll vor allem das aufrechte Stehen und die Ausbildung von Gangmustern unterstützen. Genannt werden als Indikationen unter anderem Formen der Zerebralparese, bei denen eigenständiges Gehen stark eingeschränkt ist. Laut Hegau-Jugendwerk ist die Anwendung ärztlich zu indizieren und in ein interdisziplinäres Behandlungskonzept einzubetten; jede Sitzung wird dokumentiert und an individuelle Ziele angepasst.
Nach Berichten des Südwestrundfunks und der Tagesschau ist das Hegau-Jugendwerk die erste Einrichtung in Deutschland, die ein solches Kinder-Exoskelett regulär in der neurologischen Rehabilitation einsetzt. Der aktuelle Schritt markiert einen technologischen Fortschritt in der Versorgung, ersetzt jedoch keine etablierten Verfahren wie Physiotherapie, Orthesenversorgung oder konventionelles Gangtraining. Behörden- und Kostenträgerfragen sind noch nicht abschließend geklärt: Für eine flächendeckende Regelversorgung fehlen belastbare Nachweise zu Langzeiteffekten, Kosten-Nutzen-Bewertungen und einheitliche Erstattungsregelungen.
In Fachkreisen werden erste klinische Erfahrungen mit dem Atlas 2030 diskutiert. Bisherige Beobachtungen aus der Praxis deuten darauf hin, dass Kinder unter Aufsicht kurzfristig aktivere Bewegungen vollziehen können, was potenziell Muskelkraft, Koordination und Motivation fördert. Dies sind vorläufige Einschätzungen; belastbare Evidenz zu nachhaltigen Funktionsgewinnen, möglicher Reduktion muskuloskelettaler Sekundärschäden und zum Transfer in den Alltag steht aus. Künftige Studien, Registerdaten und standardisierte Protokolle sollen die Wirksamkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit prüfen.
Für betroffene Familien in Baden-Württemberg und darüber hinaus eröffnet der Einsatz in Gailingen neue Perspektiven: Das Angebot kann einzelnen Patientinnen und Patienten zusätzliche Trainingsreize verschaffen, bleibt aber eine ergänzende Option, die eine sorgfältige Auswahl, klare Therapieziele und engmaschige Überwachung erfordert. Das Hegau-Jugendwerk kündigt an, Indikationen und Verläufe fortlaufend zu evaluieren und die Ergebnisse mit Fachöffentlichkeit und Kostenträgern zu teilen.
Redakteurin: Clara Simonichek (Artikel mit KI-Unterstützung).