Hamburg erfasst in einer neu ausgerichteten Statistik Todesfälle obdachloser Menschen nur noch, wenn sie im öffentlichen Raum stattfinden. Die Sozialbehörde verweist auf eine einheitlich dokumentierte Datengrundlage durch Polizei und Ordnungsdienste sowie auf den Nutzen für die Identifikation von Gefahrenorten und die Koordination von Maßnahmen. Der Norddeutsche Rundfunk hatte über die geänderte Praxis berichtet, die in einer Darstellung der Behörde zur Erhebung von Todesfällen im öffentlichen Raum beschrieben wird.
Kritik kommt von Sozialverbänden, Straßenmagazinen und Oppositionspolitikern. Sie monieren, die Fokussierung bilde nur einen Teil des tatsächlichen Sterbegeschehens ab. Viele wohnungs- und obdachlose Menschen stürben in Krankenhäusern, Notunterkünften oder provisorischen Unterkünften – diese Fälle seien in der neuen städtischen Zählung nicht enthalten und würden damit aus der öffentlichen Wahrnehmung herausfallen. Der Geschäftsführer des Straßenmagazins Hinz und Kunzt, Jörn Sturm, warnte, die Verengung senke sichtbar die Fallzahlen, ohne das Risiko für Betroffene zu mindern.
Die Sozialbehörde begründet den Zuschnitt mit der besseren Vergleichbarkeit und einer schnelleren operativen Ableitung, etwa für Kältehilfen, Präventionsangebote und die Steuerung von Rettungsdiensten. Zugleich bleibt offen, wie die Statistik mit Krankenhausmeldungen und rechtsmedizinischen Daten systematisch verknüpft werden soll. Eine solche Verknüpfung gilt Fachleuten als notwendig, um die Sterblichkeit wohnungs- und obdachloser Menschen insgesamt zu erfassen und Trends valide zu bewerten. Ohne diese Ergänzungen lasse sich weder die gesundheitliche Gefährdung belastbar einschätzen noch die Wirksamkeit von Maßnahmen solide bewerten.
Wohlfahrtsverbände und Teile der Bürgerschaft fordern deshalb Transparenz über Definitionen, Abgrenzungen und Datenflüsse. Konkret geht es um die Offenlegung der statistischen Schnittstellen zu Krankenhäusern, zur Polizei und zum Institut für Rechtsmedizin sowie um regelmäßige Berichte über Methodik und Fallzahlen. Eine umfassende, nachvollziehbare Erfassung sei Voraussetzung, um Gefährdungsorte zu identifizieren, das Winternotprogramm bedarfsgerecht zu planen und medizinische Streetwork sowie psychosoziale Versorgung auszubauen.
Der Konflikt verweist auf ein grundsätzliches Spannungsfeld zwischen schnell verfügbaren lagebezogenen Zahlen und der Notwendigkeit, die gesamte Sterblichkeit wohnungs- und obdachloser Menschen im Blick zu behalten. Während die Stadt einen pragmatischen Zugriff im öffentlichen Raum betont, dringen Kritiker auf eine Gesamtstatistik, die Todesfälle unabhängig vom Sterbeort berücksichtigt und dadurch politische Entscheidungen fundierter macht.
Redakteurin: Mira Cadena (Artikel mit KI-Unterstützung).