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Historiker Scianna: Deutschland hatte keine Strategie für den Ernstfall mit Russland

Bei einer Lesung in Rostock am 7. Oktober kritisierte der Militärhistoriker Bastian Matteo Scianna, Deutschland habe seit 1990 keinen belastbaren Plan für den Konfliktfall mit Russland entwickelt.

Der Militärhistoriker Bastian Matteo Scianna hat Deutschland bei einer Lesung in Rostock scharf dafür kritisiert, seit der Wiedervereinigung keine belastbare Strategie für einen möglichen Ernstfall mit Russland entwickelt zu haben. Vor Publikum in der Dokumentations- und Gedenkstätte im Gebäude der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaft sagte Scianna am 7. Oktober 2026, wiederkehrende Annahmen über die stabilisierende Wirkung von Handel und Dialog hätten die Außen- und Sicherheitspolitik geprägt – ohne ausreichende Vorkehrungen für den Fall, dass diese Prämissen scheitern.

Scianna, Privatdozent für Militärgeschichte an der Universität Potsdam, stützte seine Diagnose auf ausgewertete Archivbestände und parlamentarische Protokolle. Zentrale Befunde und Bewertungen legt er in seinem neuen Buch „Sonderzug nach Moskau – Geschichte der deutschen Russland-Politik seit 1990“ vor, das im Verlag C. H. Beck erschienen ist. Der NDR berichtete über die Veranstaltung.

Nach Sciannas Darstellung sah die deutsche Politik seit den 1990er-Jahren wirtschaftliche Verflechtung und diplomatische Einbindung als Hauptinstrumente der Einflussnahme. Spätestens der russische Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 habe jedoch gezeigt, dass diese Erwartung trügerisch sein könne. Als weiteres Versäumnis bezeichnet er das über Jahre nachlassende militärische Leistungsvermögen sowie ein fehlendes, abgestimmtes Gegenkonzept gegen hybride Bedrohungen. Beides habe in Moskau als Signal der Schwäche wirken können, so seine Einschätzung.

Aus diesen Beobachtungen leitet Scianna zwei Konsequenzen ab. Erstens müsse kurzfristig die Landes- und Bündnisverteidigung verlässlich gestärkt werden – materiell, personell und organisatorisch. Zweitens brauche es eine langfristige Neuordnung in der Energie- und Wirtschaftspolitik, um Abhängigkeiten zu reduzieren und politische Erpressbarkeit zu verringern. Gesprächsangebote blieben wichtig, reichten aber nicht aus, wenn die Gegenseite auf Maximalforderungen beharre. Eine automatische deutsche Initiative zur Normalisierung sei daher fehl am Platz; die Bringschuld liege bei der Regierung in Moskau, argumentiert Scianna.

Sciannas Einordnung versteht sich als historische Analyse mit politischen Schlussfolgerungen, nicht als Regierungsplan. Sie reiht sich in die breitere Debatte über Lehren aus der Russlandpolitik seit 1990 ein und adressiert die Frage, wie Deutschland Resilienz, Abschreckung und Dialog künftig austarieren kann. Der Veranstaltungsort in Rostock gab dem Thema einen erinnerungspolitischen Rahmen; die Diskussion über Sicherheit, Souveränität und historische Erfahrung blieb jedoch ausdrücklich auf die aktuelle Lage und die praktischen Folgerungen für Deutschland gerichtet.

Redakteur: Phillipe Schmidt-Araguin (Artikel mit KI-Unterstützung).

Quellen

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