Vor hundert Jahren begann in Berlin der Bau der Splanemann‑Siedlung. Die zwischen 1926 und 1930 in Berlin‑Friedrichsfelde errichtete Anlage gilt in der Forschung als erster größerer Versuch, im deutschen Wohnungsbau großformatige, vorgefertigte Elemente einzusetzen. Triebfeder war der damalige Berliner Stadtbaurat Martin Wagner, der die Anpassung der Entwürfe an industrielle Verfahren forderte, um den massiven Wohnungsbedarf der späten Zwanzigerjahre schneller zu decken.
Das Verfahren unterschied sich deutlich von der späteren Massenproduktion: Die Betontafeln wurden überwiegend auf der Baustelle hergestellt und montiert, nicht in Fabriken. Diese eher handwerklich organisierte Vorfertigung erlaubte praktische Tests von Transport, Anschlussfugen und Putzkanten. Fachleute verweisen darauf, dass aus diesen Erprobungen Erkenntnisse für spätere serielle Systeme hervorgingen.
Historisch sind zwei Phasen zu trennen. Erstens der experimentelle Einsatz vor 1930: In Berlin wurden vorgefertigte Bauteile punktuell erprobt, die Siedlung in Friedrichsfelde markierte dabei den sichtbaren Schritt zu großformatigen Tafeln. Zweitens die Industrialisierung des Wohnungsbaus nach 1945: In der Sowjetischen Besatzungszone und der späteren Deutschen Demokratischen Republik entwickelte sich in den 1950er und 1960er Jahren der Plattenbau zur dominierenden Bauweise des sozialen Wohnens. Die frühen Berliner Erfahrungen lieferten hierfür technische Anknüpfungspunkte, auch wenn Maßstab und Organisation später grundlegend anders waren.
International war die Idee der Vorfertigung bereits seit den 1910er und 1920er Jahren präsent, etwa in den USA und Teilen Europas. Der Berliner Beitrag bestand darin, das Konzept unter lokalen Bedingungen zu erproben und in die städtische Baupraxis zu übersetzen. Archivunterlagen und zeitgenössische Berichte nennen Martin Wagner als maßgeblichen Initiator; die kommunale Bauverwaltung förderte standardisierte Details, ohne dass bereits eine großindustrielle Fertigung existierte.
Stadtgeschichtlich weist die Splanemann‑Siedlung über die Bauweise hinaus: Sie steht in Lichtenberg für den Übergang von handwerklich geprägtem Bauen zu industriellen Verfahren und für Debatten über Dichte, Erschließung und Wohnqualität im sozialen Wohnungsbau. Hundert Jahre nach Baubeginn bleibt ihr Status präzise zu fassen: Sie war ein Berliner Auftakt zur Vorfertigung, nicht die Blaupause der späteren Hochhaussiedlungen – und doch ein Ausgangspunkt dafür, dass „die Platte“ in Deutschland zu einem prägenden Bautyp werden konnte.
Redakteurin: Mira Cadena (Artikel mit KI-Unterstützung).