Ein Forschungsteam meldet den Fund eines nahezu vollständig erhaltenen Milchbackenzahns eines Makaken aus Schöningen in Niedersachsen. Die Studie ist heute in der Fachzeitschrift Quaternary Environments and Humans erschienen. Demnach stammt der Zahn aus Schichten, die auf mehr als 300.000 Jahre datiert sind, und stellt den bislang nördlichsten Nachweis dieser Primatengruppe auf dem europäischen Festland dar.
Der Zahn wird morphologisch dem Taxon Macaca cf. sylvanus zugeordnet, das eng mit den heutigen Berberaffen verwandt ist. Es handelt sich nach Auswertung der Kauflächen und Wurzelentwicklung um den Milchzahn eines sehr jungen Individuums. Die Probe entstammt der Verlandungsfolge der ehemaligen Schöninger Seen, deren Sedimente mehrfach stratigraphisch und radiometrisch untersucht wurden. Für die betreffende Schichtphase rekonstruieren Begleitfunde eine offene Parkwaldlandschaft mit vergleichsweise milden Sommern.
An der Untersuchung wirkten Museen und Hochschulen aus Deutschland und den Niederlanden mit, darunter das Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen. Die Autorinnen und Autoren sehen in dem Nachweis eine Erweiterung der bislang vor allem südeuropäischen Verbreitungskarte für Makaken im Mittelpleistozän nach Norden. Diskutiert werden mögliche Ausbreitungswege entlang vegetationsreicher Korridore sowie klimatische Zeitfenster, die wärmeliebenden Arten zeitweilige Nordvorstöße erlaubten.
Die Studie legt als gesichert dar: das Fundmaterial (ein Milchbackenzahn), die taxonomische Einordnung zu Macaca cf. sylvanus, die Datierung auf über 300.000 Jahre sowie die stratigraphische Position im gut untersuchten Profil von Schöningen. Dabei stützt sie sich auf den Abgleich diagnostischer Merkmale mit heutigen Referenzen und pleistozänen Vergleichsfunden.
Offen bleibt, ob der Fund eine seltene nördliche Vorstoßbewegung einer kleinen Population widerspiegelt oder ob ähnliche Vorkommen bislang übersehen wurden. Für belastbare Aussagen zur Häufigkeit und Dauer solcher Vorkommen wären weitere Belege aus nahegelegenen Fundstellen nötig. Die Autorenschaft vermeidet weitreichende Schlussfolgerungen über Ursachen, ökologische Folgen oder ein dauerhaftes Areal und beschränkt sich auf den dokumentierten Kontext.
Der Fund ergänzt die seit Jahrzehnten laufenden Untersuchungen in Schöningen, die die dortigen Sedimente als Schlüsselarchiv für Klima- und Lebensraumbedingungen in Mitteleuropa ausweisen. Er erweitert den Artenkatalog der pleistozänen Fauna vor Ort und liefert einen neuen Referenzpunkt für Diskussionen über Tierverbreitung unter wechselnden Klimabedingungen.
Redakteur: Andreas M. Brucker (Artikel mit KI-Unterstützung).