Aktuell

Studie: 30-Jährige sagen „bitte“ etwa halb so oft wie 70-Jährige

Eine neue Auswertung des Projekts Variantenpragmatik des Deutschen zeigt: Jüngere bitten seltener mit dem Wort „bitte“, gelten laut Forschenden aber nicht als unhöflicher. Der Befund beruht auf Online-Fragebögen und weist auch auf regionale Unterschiede…

Eine neue Auswertung aus dem Projekt Variantenpragmatik des Deutschen (VariPrag) zeigt deutliche Altersunterschiede beim Formulieren von Bitten: 30-Jährige verwenden das Wort „bitte“ in Alltagssituationen etwa halb so häufig wie 70-Jährige. Die Forschenden betonen zugleich, dass dies kein Beleg für geringere Höflichkeit bei Jüngeren sei, sondern auf veränderte sprachliche Routinen hindeute.

Nach Angaben des Projektteams beruhen die Ergebnisse auf standardisierten Online-Fragebögen, in denen realitätsnahe Szenarien abgefragt und die Antworten nach Alter, Region und weiteren Merkmalen ausgewertet wurden. Erfasst wurden unter anderem Alternativen zum expliziten „bitte“ – etwa modale Fragen, Konjunktivformen oder abschwächende Adverbien wie „vielleicht“ und „eventuell“. Diese Mittel können ebenfalls Zurückhaltung und Respekt signalisieren und werden von jüngeren Sprecherinnen und Sprechern häufiger genutzt.

Die Autorinnen und Autoren der Auswertung ordnen die Befunde als Muster des Sprachwandels ein: Höflichkeit ist demnach nicht an eine einzelne Formel gebunden, sondern verteilt sich auf unterschiedliche pragmatische Strategien. Als weiterer Befund wird ein Nord-Süd-Gefälle im deutschsprachigen Raum genannt. In südlichen Regionen treten mehrere Höflichkeitsmerkmale, darunter auch das explizite „bitte“, tendenziell häufiger auf als im Norden. Für Deutschland sei dies vor allem als Variation in etablierten Konventionen erklärbar, nicht als einfache Skala von höflich bis unhöflich.

Der Nachrichtenkern lautet damit: Die Differenz betrifft die Häufigkeit eines einzelnen Höflichkeitsmarkers. Die Bewertung der Gesamthöflichkeit ist von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ausdrücklich relativiert worden. Praktische Folgen sehen sie vor allem im Risiko von Missverständnissen zwischen Generationen – etwa in Dienstleistung, Verwaltung oder Medienkommunikation. Wird „bitte“ nicht verwendet, kann das je nach Erwartung des Gegenübers unterschiedlich interpretiert werden. Aus Sicht der Forschung sollten deshalb Kontext, Beziehung und regionale Prägung stärker berücksichtigt werden, wenn es um Urteile über angemessenes Auftreten geht.

VariPrag ist ein trinational angelegtes Forschungsverbundprojekt, an dem unter anderem die Freie Universität Berlin und die Universität Bielefeld beteiligt sind. Es dokumentiert seit mehreren Jahren Variation und Wandel in der Pragmatik des Deutschen. Die jetzt zusammengefassten Ergebnisse fügen sich in diese Linie ein und liefern neue, datengestützte Hinweise darauf, wie Sprachwandel, Generationenzugehörigkeit und regionale Muster in Deutschland zusammenwirken.

Redakteurin: Mira Cadena (Artikel mit KI-Unterstützung).

Quellen

Ende des Artikels

Anzeige

Aus dem PHOTRA-Netzwerk