Heute in der Geschichte

Was geschah am 28. Oktober in Deutschland?

Vom Inkrafttreten der Oktoberreformen 1918 über die reichsweite Zwangsausweisung polnischer Juden 1938 und den Kulminationspunkt der Spiegel-Affäre 1962 bis zur Regierungserklärung Willy Brandts 1969, der Wiederwahl Angela Merkels 2009 und den kombinierten Urnengängen in Hessen 2018 – der

Der 28. Oktober ist in der deutschen Geschichte ein Kalendertag verdichteter Weichenstellungen. An ihm werden Verfassungsordnungen verschoben, Grundrechte mit Füßen getreten, die Pressefreiheit erprobt, Regierungslinien neu justiert und föderale Demokratie im Alltag praktiziert. Der folgende Überblick bündelt sechs Vorgänge, die sich nachweislich genau am 28. Oktober ereigneten und Deutschland direkt betreffen: die Parlamentarisierung des Kaiserreichs 1918, der Beginn der „Polenaktion“ 1938, die Festnahmen in der Spiegel-Affäre 1962, die Regierungserklärung Willy Brandts 1969, die Wiederwahl Angela Merkels 2009 sowie die gleichzeitige Landtagswahl und Volksabstimmungen in Hessen 2018. Sie reichen vom Reichstagsgebäude Berlin als erinnerungspolitischem Fixpunkt bis zur Grenzstation Zbąszyń – und lassen erkennen, wie nah Fortschritt, Machtmissbrauch und demokratische Erneuerung beieinanderliegen.

Deutschland am 28. Oktober

28. Oktober 1918: Die Oktoberreformen verankern die Parlamentarisierung des Kaiserreichs

Am 28. Oktober 1918 treten mit der Unterschrift von Kaiser Wilhelm II. die Gesetze zur Abänderung der Reichsverfassung in Kraft. Sie markieren den Übergang von der monarchisch dominierten zur parlamentarischen Regierungsweise: Der Reichskanzler und die Staatssekretäre sind nun dem Reichstag verantwortlich; zentrale kaiserliche Vorrechte werden begrenzt, die militärische Kommandogewalt wird politischer Kontrolle stärker unterstellt. Damit wird – unter dem Druck der Kriegsniederlage und der alliierten Bedingungen – die bis dahin konstitutionelle Monarchie zur parlamentarischen Monarchie umgestaltet. Diese Reformen sind die unmittelbare Brücke zur Weimarer Reichsverfassung, die am 11. August 1919 unterzeichnet und am 14. August 1919 verkündet wurde. Der Deutsche Bundestag erinnert ausdrücklich an den 28. Oktober 1918 als Datum des Inkrafttretens dieser Parlamentarisierung.

28. Oktober 1938: Die nationalsozialistische „Polenaktion“ setzt massenhafte Ausweisungen in Gang

Am Morgen des 28. Oktober 1938 beginnt im gesamten Deutschen Reich eine koordinierte Zwangsmaßnahme: Zehntausende Jüdinnen und Juden polnischer Staatsangehörigkeit werden verhaftet, in Sonderzügen an die Ostgrenze verbracht und unter anderem bei Zbąszyń in ein provisorisches Niemandsland gedrängt. Schätzungen nennen rund 15.000 bis 17.000 Betroffene in wenigen Tagen; in Zbąszyń hielten sich zeitweilig etwa 9.000 Menschen auf. Die Aktion, die am 29. Oktober andauert, wird von Museen, Gedenkinstitutionen und Forschung als erste Massendeportation aus dem Deutschen Reich seit 1933 dokumentiert. Unter den Ausgewiesenen sind auch die Eltern von Herschel Grynszpan; dessen späterer Attentatsschuss auf Ernst vom Rath in Paris wird vom NS-Regime propagandistisch zur Rechtfertigung der Novemberpogrome missbraucht. Die Ereignisse dieses 28. Oktober sind für Berlin, Hamburg und viele andere Orte detailliert belegt und werden in Ausstellungen und Studien in Deutschland und Polen erinnert.

28. Oktober 1962: Festnahmen in der Spiegel-Affäre entfachen eine Republikdebatte über Pressefreiheit

Nach nächtlichen Razzien in der Redaktion von Der Spiegel in Hamburg und in Bonner Büros erreicht die Spiegel-Affäre an diesem Sonntag einen Kulminationspunkt: Der in Spanien festgenommene stellvertretende Chefredakteur Conrad Ahlers wird in Frankfurt am Main der deutschen Polizei übergeben; am selben 28. Oktober wird Herausgeber Rudolf Augstein verhaftet. Auslöser ist der Beitrag „Bedingt abwehrbereit“ zu NATO-Planungen, den die Bundesanwaltschaft als Landesverrat verfolgt; Verteidigungsminister Franz Josef Strauß hat auf die Maßnahmen maßgeblich Einfluss genommen. Die drastische Staatsaktion provoziert öffentliche Proteste und eine breite Solidarisierung mit dem Magazin; strafrechtlich endet sie ohne Verurteilungen, politisch trägt sie zum Rücktritt von Strauß bei. Der Tag des 28. Oktober macht aus einem Ermittlungsverfahren einen Grundsatzstreit über Pressefreiheit und rechtsstaatliche Grenzen staatlicher Macht.

28. Oktober 1969: Willy Brandt prägt in seiner Regierungserklärung das Leitmotiv „Mehr Demokratie wagen“

Im Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Bonn stellt Bundeskanzler Willy Brandt die Linie der neuen sozialliberalen Koalition vor und formuliert eine Formel, die zum politischen Signum der Reformära wird: „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ Die Rede verknüpft innenpolitische Reformprojekte – von Teilhabe und Bildung bis zur Absenkung des Wahlalters – mit der außenpolitischen Neuorientierung, aus der die Ostpolitik erwächst. Die Regierungserklärung des 28. Oktober 1969 ist als Ton- und Textquelle überliefert und bildet einen Referenzpunkt für die gesetzgeberischen Reformen der frühen 1970er Jahre.

28. Oktober 2009: Der 17. Deutsche Bundestag wählt Angela Merkel erneut zur Bundeskanzlerin

Der Deutsche Bundestag wählt Angela Merkel zur Bundeskanzlerin der zweiten Amtszeit; sie nimmt die Wahl an und leistet noch am selben Tag den Eid. Unmittelbar danach werden die Mitglieder des Bundeskabinetts ernannt und vereidigt. Der Ablauf ist im Plenarprotokoll 17/2 minutiös dokumentiert und wird in der Chronik der Bundesregierung bestätigt. Der 28. Oktober 2009 steht exemplarisch für die transparente, formalisierte Regierungsbildung im parlamentarischen System der Bundesrepublik.

28. Oktober 2018: Hessen wählt seinen Landtag und stimmt zeitgleich über Verfassungsänderungen ab

Am 28. Oktober 2018 findet in Hessen die Landtagswahl statt; zugleich entscheiden die Stimmberechtigten in 15 Volksabstimmungen über umfangreiche Änderungen der Hessischen Verfassung, darunter die Verankerung von Kinderrechten, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, die Streichung der in der Nachkriegsfassung verbliebenen Todesstrafenklausel und Regelungen zum Wahlalter und zur Wählbarkeit. Das amtliche Ergebnis führt zu einem vergrößerten Parlament und spiegelt den bundesweiten Trend stärkerer Parteienfragmentierung. Wahl und Volksabstimmungen an einem einzigen Tag zeigen die föderale Demokratie im doppelten Modus der Repräsentationswahl und der unmittelbaren Verfassungsentscheidung.

Ein Datum, viele Geschichten

Auffällig am 28. Oktober ist die Spannweite zwischen institutionellem Formwandel und staatlicher Willkür: 1918 wird die Parlamentarisierung rechtlich verankert und ein Weg zur Weimarer Reichsverfassung gebahnt; 1938 stehen Gewaltexzesse des Unrechtsstaats am Grenzbahnhof Zbąszyń für die Entrechtung und Vertreibung jüdischer Bürgerinnen und Bürger. 1962 macht die Spiegel-Affäre sichtbar, dass Pressefreiheit nur stark bleibt, wenn sie im Konfliktfall verteidigt wird. 1969 setzt Willy Brandt mit „Mehr Demokratie wagen“ einen programmatischen Akzent, der rechtlich und politisch nachwirkt. 2009 schließlich demonstriert die Wiederwahl Angela Merkels den regelgeleiteten Machtwechsel im Parlament, und 2018 zeigt Hessen, wie Demokratie an einem Stichtag sowohl Repräsentation erneuert als auch Grundsätze fortschreibt. Der 28. Oktober bündelt damit sehr unterschiedliche historische Schichten – als Datum der Mahnung und der Ermutigung.

Redakteurin: Mira Cadena (Artikel mit KI-Unterstützung).

Quellen

Ende des Artikels

Anzeige

Aus dem PHOTRA-Netzwerk