Der 5. September ist in der deutschen Geschichte mehrfach zum Tag der Zuspitzung geworden. 1914 wandelte sich an der Marne der Bewegungskrieg zur zermürbenden Materialschlacht; 1972 traf transnationaler Terror die Bundesrepublik ausgerechnet in München, wo die Olympischen Spiele ein weltoffenes Land zeigen sollten; 1977 setzte die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer den Rechtsstaat unter maximalen Druck; 2015 schließlich zeigte eine Zivilgesellschaft am Münchner Hauptbahnhof binnen Stunden, was spontane Humanität leisten kann – und wie rasch sie Politik und Verwaltung zu belastbaren Verfahren zwingt. Vier Episoden, alle exakt auf den 5. September datiert, markieren Zäsuren in militärischer Strategie, Sicherheitspolitik und gesellschaftlicher Selbstbeschreibung.
Deutschland am 5. September
5. September 1914: An der Marne beginnt die entscheidende Gegenbewegung gegen den deutschen Vormarsch
Am 5. September 1914 fällt an der Marne der Startschuss für die Schlacht, die den Vormarsch der deutschen Armeen zum Stehen bringt. Bereits am 4. September hatte Joseph Joffre die Gegenoffensive vorbereitet; am 5. September treffen bei Meaux und am Ourcq die ersten Gefechte die offene rechte Flanke der deutschen 1. Armee. In den folgenden Tagen (5.–12. September) zwingt die französisch-britische Offensive die deutschen Truppen zum Rückzug; der Bewegungskrieg kippt in den Stellungskrieg, der den weiteren Verlauf des Ersten Weltkriegs prägen sollte. Aus deutscher Perspektive gerät damit der Schlieffen-Plan ins Wanken. Die Debatten in Berlin und im Großen Hauptquartier kreisen bald um Führungsfehler, operative Lücken zwischen 1. und 2. Armee sowie logistische Überdehnung. Der 5. September wird so zum Symboldatum einer strategischen Ernüchterung, deren Folgen – Frontverhärtung, Masseneinsatz von Artillerie und Stacheldraht, politische Radikalisierung im Innern – über Jahre nachwirken.
5. September 1972: Ein Terroranschlag zerreißt die Heiteren Spiele von München
In den frühen Morgenstunden des 5. September 1972 dringen acht Mitglieder der palästinensischen Gruppe Schwarzer September in das Olympische Dorf München ein, töten zwei israelische Athleten und nehmen neun weitere Geiseln. Der Versuch einer Befreiung endet in der Nacht auf dem Militärflugplatz Fürstenfeldbruck; alle neun Geiseln sterben, ebenso der bayerische Polizist Anton Fliegerbauer, fünf der Täter werden erschossen, drei festgenommen. Der Tag legt drastische Sicherheitsdefizite offen und markiert eine sicherheitspolitische Zäsur: In direkter Folge beschließen Innenminister und Bundesregierung den Aufbau spezialisierter Einheiten zur Geiselbefreiung; am 26. September 1972 wird beim damaligen Bundesgrenzschutz die Grenzschutzgruppe 9 aufgestellt, die heute als GSG 9 der Bundespolizei firmiert. Erinnerungspolitisch prägt der 5. September 1972 das Selbstverständnis der Bundesrepublik zwischen Offenheit und Wehrhaftigkeit – und die bis in die Gegenwart reichende Auseinandersetzung um Verantwortung, Aufarbeitung und Entschädigung.
5. September 1977: Die Entführung Hanns Martin Schleyers setzt den Deutschen Herbst in Gang
Gegen 17.28 Uhr stoppt ein Kommando der Rote Armee Fraktion in Köln-Braunsfeld den Wagenkonvoi des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Binnen Sekunden erschießen die Attentäter seinen Fahrer Heinz Marcisz sowie die begleitenden Polizisten Reinhold Brändle, Roland Pieler und Helmut Ulmer; Schleyer wird entführt. Bundeskanzler Helmut Schmidt installiert noch am Abend einen Krisenstab und legt die Linie fest, den Forderungen der Entführer nicht nachzugeben. Der 5. September 1977 wird so zum Auftakt und zur Chiffre des Deutschen Herbstes, in dessen Verlauf der Rechtsstaat seine Mittel der Terrorismusbekämpfung schärft, die föderale Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden intensiviert und die mediale Öffentlichkeit neue Rollen reflektiert. Zugleich bleibt der Tag als Tragödie präsent: Trotz enormen Fahndungsaufwands wird Schleyer nicht gerettet.
5. September 2015: Tausende Geflüchtete erreichen den Münchner Hauptbahnhof und eine Stadt organisiert Akuthilfe
Am 5. September 2015 treffen aus Ungarn über Österreich kommende Züge mit Geflüchteten in München ein. Nach nächtlicher Abstimmung zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem österreichischen Bundeskanzler Werner Faymann über die Weiterreise aus der akuten Notlage an der ungarischen Grenze formiert sich in der bayerischen Landeshauptstadt binnen Stunden eine Hilfslogistik: Freiwillige, Hilfsorganisationen, Bayerische Polizei, Bahn und städtische Dienste verteilen Wasser, Essen, Kleidung, koordinieren Unterkünfte und Weiterreisen. Noch am Abend berichten Medien von mehreren tausend Ankommenden am Münchner Hauptbahnhof; für das erste Septemberwochenende summieren sich die Zahlen auf weit über zehntausend Menschen. Der 5. September wird so zum ikonischen Datum der deutschen Flüchtlingsdebatte: Er steht für bürgerschaftliche Empathie und organisatorische Leistungsfähigkeit – und er macht zugleich die Belastungsproben eines europäischen Asylsystems sichtbar, das in den folgenden Monaten politisch nachjustiert wird.
Ein Datum, viele Geschichten
Vier Mal am 5. September verdichten sich in Deutschland größere Linien: 1914 zerbricht an der Marne die Hoffnung auf einen raschen Sieg und der Krieg tritt in die Phase hochindustrialisierten Tötens. 1972 zwingt ein beispielloser Anschlag die Bundesrepublik, ihre Sicherheitsarchitektur neu zu denken – von der Taktik vor Ort bis zur Gründung spezialisierter Kräfte. 1977 stellt eine Entführung die demokratische Resilienz auf die Probe und schärft das Verhältnis von Härte des Staates und rechtsstaatlicher Bindung. 2015 schließlich verbinden sich spontane Hilfe und staatliche Koordination zu einer sichtbaren Willkommenskultur – bei zugleich erbitterter Auseinandersetzung über Verfahren und Grenzen. Der 5. September zeigt, wie Entscheidungen unter Druck Geschichte schreiben: militärisch nüchtern, staatlich entschlossen und bürgerschaftlich zugewandt.
Redakteurin: Mira Cadena (Artikel mit KI-Unterstützung).